Ökologische Baustoffwahl als komplexe Planungsaufgabe

WECOBIS Planungs- & Ausschreibungshilfen

Dipl.-Ing. Robert Kellner, Architekt / Dipl.-Ing. (FH) Petra Wurmer-Weiß, Architektin
München, 2015

System  WECOBIS

Das webbasierte Baustoffinformationssystem stellt für seine Nutzer zu wichtigen Bauproduktgruppen und Grundstoffen umfassende, strukturiert aufbereitete Informationen über die Anwendung und Herstellung dieser Baumaterialien zur Verfügung. Dabei stehen gesundheits- und umweltrelevante Aspekte im Vordergrund.

vernetzt

Wecobis ist eingebunden in ein Gesamtsystem von Planungs- und Bewertungswerkzeugen, beispielweise das Internetportal „Nachhaltiges Bauen" und das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) des BMUB. Entsprechend sind Querverweise und weiterführende Anbindungen, häufig in Form von Hyperlinks, unabdingbare Bestandteile von WECOBIS.

vielschichtig

Die Darstellung dieser umfangreichen Informationen ist zwangsläufig komplex, vielschichtig und verzweigt. Es scheint deshalb zunächst anspruchsvoll, sich im System zurechtzufinden und die jeweils für einen speziellen und objektspezifischen Planungsschritt notwendigen Inhalte effizient ausfindig zu machen. Ein wenig Übung wird deshalb erforderlich sein. Die Systematik wird sich aber schnell erschließen.

produktneutral

Alle in WECOBIS erfassten Bauproduktgruppen und Grundstoffe sind eingeführte und weitverbreitete Baumaterialien. Unmittelbare Empfehlungen für bestimmte Produkte können nicht gegeben werden, denn das System bleibt konsequent herstellerneutral. Es finden sich aber Hinweise auf mögliche alternative Materialgruppen.

materialspezifisch

In WECOBIS werden die materialspezifischen Eigenschaften betrachtet. Dies kann nur unabhängig vom konkreten Planungskontext und den sich speziell hieraus ergebenden Anforderungen und Bewertungskriterien erfolgen. Eine ökologische Bewertung der Produktgruppe oder eines Produktes sollte immer nur im Kontext der Gesamtkonstruktion und unter Berücksichtigung der entsprechenden Rahmenbedingungen erfolgen. Die Unterscheidung in grundsätzlich empfehlenswerte' oder ‚nicht empfehlenswerte' Materialien kann aufgrund der projektspezifischen Zusammenhänge in WECOBIS nicht vorgenommen werden.

Qual der Wahl

Die komplexe Aufgabe, ein Materialkonzept zu entwickeln und sich für bestimmte Produkte und / oder Produktgruppen zu entscheiden, kann letztlich nicht vom Informationssystem WECOBIS getroffen werden. Sie verbleibt vielmehr bei Architekt und Bauherr, in hoffentlich intensiver Zusammenarbeit. Die Grundlagen für eine bewusste, logische und nachvollziehbare Materialwahl stellt WECOBIS jedoch zur Verfügung.

Zeit

Im Folgenden wird anhand eines Beispielsobjektes „Kindergarten" kurz skizziert, unter welchem Zeitdruck ein Architekt bei der Materialwahl regelmäßig steht. Zugrunde gelegt sind Bauwerkskosten von 1,8 Mio. Euro brutto für die Kostengruppen 3+4, sowie Stundensätze, die für den wirtschaftlichen Betrieb eines Architekturbüros gerade ausreichend sind. Es stehen dann ca. 2400 Stunden für die gesamte Architektenleistung der HOAI-Leistungsphasen 1 - 9, von der Grundlagenermittlung über die komplette Planung, Ausschreibung, Bauüberwachung und Mängelbeseitigung zur Verfügung. Für Planung, Ausschreibung und Bauüberwachung des Gewerkes Bodenbelagsarbeiten stehen dabei ca. 60 Stunden, davon für Werk- und Detailplanung ca. 15 Stunden, für die gesamte Ausschreibung ca. 6 Stunden zur Verfügung.
Bei Planung und Ausschreibung der Bodenbelagsarbeiten sind eine Vielzahl von Materialien wie unterschiedliche Bodenbeläge, Kleber, elastische Fugen, Sockelleisten mit Befestigungssystemen und Beschichtungen zu berücksichtigen. Die entsprechenden Materialien und letztendlich auch Leitprodukte sind schließlich auszuwählen. Wie viel Zeit bleibt unter diesen Bedingungen für eine (besonders) gesundheits- und umweltbewusste Materialplanung und Produktentscheidung sowie für Koordination und Überwachung bei der Umsetzung durch die ausführenden Auftragnehmer?

mehr Planung

Grundsätzlich werden überdurchschnittliche und höhere Anforderungen an gesundheits- und umweltrelevante Aspekte der Baumaterialien auch einen höheren Aufwand an Planung mit sich bringen. Es besteht zusätzlicher Abstimmungsbedarf mit den anderen Planungsbeteiligten, es sind weitergehende Recherchen zur Verfügbarkeit geeigneter Produkte notwendig, Details müssen materialökologisch optimierten Baustoffen angepasst, die zusätzlichen Anforderungen rechtssicher in Bauverträge verankert und Anforderung und Qualität bei der Bauausführung überwacht und umfassend dokumentiert werden. In Abhängigkeit vom Anforderungsniveau werden zusätzliche Fachberater notwendig und müssen frühzeitig in den Planungsprozess integriert werden.

Planung + Ausschreibung

Das neue WECOBIS-Modul Planungs- & Ausschreibungshilfen (P&A) hilft dem Nutzer (Planer und Bauherr), materialökologische Anforderungen in der Planung zu bewerten und effektiv umzusetzen. Es begleitet dabei den Nutzer bei Baustoff- und Bauproduktauswahl durch den gesamten Planungsprozess. WECOBIS stellt das Wissen und die Hilfsmittel zur Verfügung, effizient Baustoffe auch unter den Aspekten Nachhaltigkeit, Gesundheit und Auswirkung auf die Umwelt zu bewerten und die hierfür relevanten Anforderungen an die Bauprodukte in Planung und Ausschreibung zu stellen.
Das Modul P&A ist in zwei Abschnitte, das „Nutzerhandbuch Planungs- & Ausschreibungshilfen" und produktgruppenspezifische Textbausteine gegliedert.

Bedienungsanleitung

Das „Nutzerhandbuch Planungs- & Ausschreibungshilfen" enthält eine Bedienungsanleitung, wie WECOBIS, insbesondere die Planungs- und Ausschreibungshilfe in den Planungsprozess integriert werden kann. Sie gibt einen Überblick über den gesamten Planungs- und Baudurchführungsprozess und stellt dar, welche materialspezifischen Planungsschritte in den jeweiligen Leistungsphasen anfallen. Gleichzeitig wird auf die jeweiligen Hilfsmittel verwiesen, die WECOBIS hier zur Verfügung stellt. Dabei wird herausgestellt, dass Materialauswahl und Produktentscheidung nicht erst in Werkplanung und Ausschreibung getroffen werden können. Bereits zu Beginn der Planung werden durch die Zielvorgaben, die Zusammenstellung des Planungsteams sowie die Festlegung des Planungs- und Bauablaufs die Weichen für das Qualitätsniveau einer umwelt- und gesundheitsbewussten Bauproduktauswahl gestellt.

BNB als Grundlage

Die in WECOBIS abgebildeten materialökologischen Anforderungen und Textbausteine basieren im Wesentlichen auf Kriterien-Steckbrief 1.1.6 "Risiken für die lokale Umwelt" (BNB_BN_1.1.6) des Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen (BNB) des BMUB. Dieser Steckbrief zielt auf die Reduktion bzw. Vermeidung von Stoffen und Produkten, die aufgrund ihrer stofflichen Eigenschaften oder Rezepturbestandteile ein Risikopotenzial für Grundwasser, Oberflächenwasser, Boden und Luft (auch Innenraumluft) enthalten. Der Steckbrief teilt die Anforderungen in 5 Qualitätsniveaus (QN1 – QN5) ein, wobei QN5 das höchste Qualitätsniveau darstellt und die strengsten Anforderungen definiert. Mit berücksichtigt werden auch wesentliche, materialrelevante Anforderungen, die sich aus Kriterien-Steckbrief 3.1.3, „Innenraumhygiene" ergeben. Auch wenn ein Gebäude nicht im Rahmen eines Bewertungssystems zertifiziert werden soll, bilden die einzelnen Kriterien-Steckbriefe eine gute Grundlage, Orientierung und Hilfestellung für die Umsetzung ökologischer Aspekte in der Gebäudeplanung. Denn sie basieren auf einem praxiserprobten, sich stetig weiterentwickelnden und ausgewogenen System. Dieses ist umfassend dokumentiert und frei zugänglich.

Übersichtstabelle P & A

Eine Übersichtstabelle im ersten Reiter zeigt „auf einen Blick" die materialökologischen Einzelanforderungen des BNB-Kriterien-Steckbriefs 1.1.6 „Risiken für die lokale Umwelt" für die jeweilige Produktgruppe. Damit kann eine erste Abschätzung getroffen werden, welche Schadstoffe in dieser Produkt gruppe relevant sind. Auch werden Hinweise gegeben , wenn einzelne Produktgruppen nicht alle Qualitätsniveaus erreichen können. Die Übersicht hilft bereits in frühen Planungsphasen, die Planungsziele und Qualitätsanforderungen festzulegen, Produktgruppen zu vergleichen und die Verfügbarkeit von Produkten auf einem bestimmten Qualitätsniveau zu prüfen.

Textbausteine

Die Textbausteine selbst sind den Reitern QN1 bis QN5 zugeordnet, entsprechend den Qualitätsniveaus in Kriterien-Steckbrief 1.1.6. Die Texte sind einfach formatiert, um möglichst unkompliziert auch in Ausschreibungsprogrammen verwendet werden zu können. QN1 betrifft ausschließlich die Produktdokumentation und -deklaration und gilt als Mindestanforderung. Die qualitative Bewertung der Bauprodukte erfolgt erst ab QN2 bis QN5. Voraussetzung für QN2 bis QN5 ist immer auch die Erfüllung der Mindestanforderungen gemäß QN1.

Wie lassen sich diese Textbausteine in den verschiedenen Planungsphasen eingesetzten?

Vorentwurf, Entwurf

Bereits in der Vorentwurfs- und Entwurfsplanung helfen die Texte zusammen mit der Übersichtstabelle und den Informationen und Hinweisen zu den jeweiligen Qualitätsniveaus, die möglichen Anforderungsstandards zu vergleichen. Damit können Entscheidungen für bestimmte Qualitätsniveaus und Planungsziele begründet getroffen werden. Diese Anforderungen können den Baukosten-(Grob-) Elementen und den Regeldetails zugrunde gelegt werden. Planungsstandards können bezüglich ihrer materialökologischen Qualität eingeordnet und ggfs. angepasst werden.

Werk-, Detailplanung

Teile der Texte (Kurztexte) können in die Detailplanung als Anforderungen an bestimmte Materialien übernommen werden. Durch die schriftliche Ergänzung mit oder auch durch den Verweis auf die jeweiligen Textblöcke und Qualitätsniveaus können die materialökologischen Anforderungen umfassend in der Detailplanung festgelegt werden. Bei der Marktrecherche und der Verfügbarkeitsprüfung für geeignete Bauprodukte können die Textbausteine Herstelleranfragen zugrunde gelegt werden.

Kommunikation

An den Schnittstellen der unterschiedlichen Planungsbeteiligten, insbesondere zwischen Planung, Werkplanung und Ausschreibung (Vorbereitung der Vergabe, Vergabe) sowie Bauplanung - und Baudurchführung können mithilfe dieser Textbausteine die materialökologischen Anforderungen zwischen den verschiedenen Planungs- und Baubeteiligten in einheitlicher und effektiver Form übergeben und kommuniziert werden.

Ausschreibung

Die Textbausteine dienen als Leistungsbeschreibung in Leistungsverzeichnissen. Sie sind einfach formatiert und können per Download als RTF-Dokument übernommen werden. Der Link hierzu befindet sich jeweils am Anfang der Textbausteine zu jedem Qualitätsniveau. Damit ist eine Übernahme in unterschiedlichste Textbearbeitungs- und AVA-Programme mit geringem Bearbeitungsaufwand möglich.

Die Texte können in Vertragsbedingungen, Hinweistexten oder Standardbeschreibungen als Vorbemerkung oder als Beschreibung einer Teilleistung eingefügt werden. Denkbar ist auch eine Bündelung der materialökologischen Anforderungen als Anlage zum Leistungsverzeichnis. Dies erfordert dann aber eine eindeutige Zuordnung zur jeweiligen materialökologischen Anforderung der Anlage in der Leistungsbeschreibung selbst. Grundsätzlich muss der Ersteller der Leistungsbeschreibung entscheiden, wie, an welcher Stelle und in welcher Form er die Texte in ein Leistungsverzeichnis einbindet. Insbesondere bei öffentlichen Auftraggebern ist er hier an die rechtlichen und formalen Vorgaben der VOB gebunden, siehe auch VOB 2012 und Vergabehandbuch des Bundes oder die Vergabehandbücher der Länder. Auch die Verwendung des Standardleistungsbuches kann eine spezielle Struktur des Leistungsverzeichnisses erfordern. Hilfreiche Informationen findet man dazu auch auf den Seiten den Umweltbundesamtes (UBA). Das UBA hat für öffentliche Auftraggeber Schulungsskripte für die Beschaffung umweltfreundlicher Produkte (auch Bauprodukte) herausgegeben, die auch die Möglichkeiten in der Ausschreibung erörtern.

P&A in Datenblätter

Weitere ausführliche Informationen finden sich in WECOBIS in den jeweiligen Produktgruppen z.B. in den Reitern Ausschreibung, Zeichen & Deklara-tionen, Bewertungssysteme oder zum Lebenszyklus. In Textbausteinen und Übersicht wird jeweils auf diese Stellen verwiesen.

weitere Schritte

In 2016 erfolgt die Einbindung weiterer Kriterien-Steckbriefe des BNB:
„Innenraumhygiene"
„Rückbau und Verwertung"
„Nachhaltige Materialgewinnung /Holz".
Die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten der P&A in Werkplanung und Ausschreibung werden anhand von Beispielen konkretisiert.

Material begreifen

Ein Schulungsmodul ist im Aufbau, das ab Frühjahr 2016 für Workshops Verwendung finden wird. Es kann in den Fortbildungsinstituten der Architektenkammern, an Hochschulen und Instituten eingesetzt werden. Das Schulungsmodul vermittelt zum einen die Grundlagen einer nachhaltigen Materialwahl und zum anderen die effektive Einbindung des WECOBIS-Moduls Planung und Ausschreibung im konkreten Planungsprozess.

 

Auszug aus einer Broschüre des BBSR zur Baustoffwahl, 2016

weiter mit den Hilfen zur Anwendung / Materialökologische Anforderungen im Planungsprozess